RUNFLAT-TECHNOLOGIE: Interview mit Timo Eisen

Die Runflat-Technologie (Reifen mit Notlaufeigenschaften) ist wieder auf dem Vormarsch. Nachdem den Runflats noch vor wenigen Jahren die Luft auszugehen schien, steigt der Marktanteil inzwischen wieder deutlich. Wir sprechen in einem Interview mit dem Verkaufsleiter Räder - / Key Account Manager bei Delticom - Timo Eisen über Vor- und Nachteile von Runflat-Reifen, Preis und Sicherheit der Runflat-Technologie, welche Reifenhersteller Runflat-Technologie anbieten und was es beim Wechseln von Runflat-Reifen zu beachten gibt.

REIFEN.AT:   Guten Tag, Timo!

Timo Eisen:  Guten Tag, Tetiana!

REIFEN.AT:   Alle wissen, dass der Reifen eine besonders wichtige Rolle beim Fahren und bei der Sicherheit spielt. Es gibt viele neue Technologien, die die Fahrsicherheit verbessern. Eine dieser Technologien ist Runflat oder Run On Flat. Was sind Runflat-Reifen und wie funktioniert das Prinzip „Runflat“?

Timo Eisen:  Runflat-Reifen sind auch dann noch verkehrstauglich, wenn der Luftdruck im Inneren des Reifens fällt, zumindest für eine gewisse Strecke und bei niedriger Geschwindigkeit. Auf Grund der erheblich verstärkten Seitenwände der Runflat-Reifen, können sie das Gewicht des Fahrzeugs auch ohne Luft tragen. Die speziell konzipierten Reifenwülste verhindern zudem, dass sich der Reifen von der Felge löst. Das Runflat-Prinzip basiert also auf einer selbstragenden verstärkten Seitenwand des Reifens. Diese verhindert im Pannenfall ein Einklemmen der Reifenseite zwischen Straße und Felge, sowie ein Abrutschen des Reifens in das Felgentiefbett. Das ist kurz gesagt, was ein Runflat-Reifen ist und wie er funktioniert.

REIFEN.AT:   Ziemlich interessante Technologie, finde ich. Wie kann man denn einen Runflat-Reifen erkennen?

Timo Eisen:  Jeder Reifen besitzt auf der Seitenwand eine entsprechende Kennzeichnung, wo die Größe, der Hersteller, das Modell, DOT und andere Angaben des Reifens enthalten sind. Runflat-Reifen haben noch eine weitere spezielle Kennzeichnung. Die ist jedoch je nach Reifenhersteller unterschiedlich. Die Kennzeichnung kann zum Beispiel ROF, RFT, EMT, RCS, SSR, ZP für Zero Pressure, oder DSST lauten. Oder eben auch ganz einfach „RUNFLAT.“ Aber es ist immer eine Sondermarkierung auf der Reifenflanke enthalten.


 Timo Eisen

REIFEN.AT:   Danke! Und wie sieht das im Handel aus? Muss man sich den Reifen genau angucken um festzustellen, ob er die Runflat-Technologie besitzt?

Timo Eisen:  Nein, man muss natürlich, wenn man einen solchen Reifen sucht, von der Reifenflanke entnehmen, ob es sich um einen Runflat-Reifen handelt. Dafür stehen dann diese erwähnten Herstellerkennzeichnungen. Diese Herstellerkennzeichnungen sind zum Beispiel in unserem Webshop enthalten, wenn man einen entsprechenden Reifen sucht. Das heißt, man kann zum Beispiel nach bestimmte Marken von Reifen mit Notlaufeigenschaften filtern und bekommt dort online genau diese Kürzel wiedergegeben, die sich dann auch auf dem Reifen wiederfinden.

REIFEN.AT:   Und welche Vor- und Nachteile gibt es bei Runflat-Reifen?

Timo Eisen:  Der größte Vorteil ist ganz klar die Sicherheit. Selbst bei plötzlichem Druckabfall oder auch bei schleichendem Druckverlust ist eine sichere Weiterfahrt mit dem Auto möglich. Die Kontrolle über das Fahrzeug bleibt also erhalten. Ein plötzlicher Druckverlust, der klassische Reifenplatzer, ist lebensgefährlich und überfordert viele Fahrer, besonders auf der Autobahn bei hohen Geschwindigkeiten. Das ist beim Runflat-Reifen anders, denn die Weiterfahrt ist bei den üblichen Reifenschäden sicher gewährleistet. Ein erforderlicher Radwechsel an lebensgefährlichen Stellen, wie zum Beispiel am Standstreifen auf der Autobahn, auf Landstraßen oder in langen Tunneln, entfällt dann also. Ein weiterer Vorteil ist der Komfort. Im Schadensfall muss man den Radwechsel nicht selbst oder durch einen Pannenservice durchführen, sondern man ist auf Grund der Reichweite eines luftleeren Runflat-Reifens in der Regel in der Lage, einen Fachhändler direkt anzusteuern. Bei Runflat-Reifen muss kein Ersatzrad mitgeführt werden, was wiederrum das Kofferraumvolumen um bis zu 80 Liter erhöht. Ein weiterer Vorteil ist, dass durch den Wegfall des Pannenrades Gewicht reduziert wird und so Energie und damit auch Kraftstoff gespart werden. Aber wo Vorteile sind, sind natürlich auch Nachteile. Die sind im Preis zu sehen. Runflat-Reifen sind teurer als konventionelle Reifen. Das Gewicht eines Runflat-Reifens ist außerdem durch die Bauweise seiner Notlaufeigenschaft etwas höher. Mehrgewicht bedeutet immer Energieaufwand, was einen geringen Mehrverbrauch mit sich zieht. Bei der jetzigen Entwicklungsstufe ist dies jedoch weitestgehend auf Niveau von konventionellen Reifen.

REIFEN.AT:   Super, danke. Einer der wichtigsten Vorteile der Runflat-Reifen ist also, dass man im Schadensfall noch mobil ist. Wie weit und wie schnell kann man mit einem beschädigten Reifen fahren?

Timo Eisen:  Reichweite und Geschwindigkeit sind selbstverständlich limitiert, weil im Schadensfall der Reifen drucklos ist. Die namhaften Hersteller geben eine Geschwindigkeit von bis zu 80 km/h, sowie eine Reichweite von etwa 80 km im beschädigten Zustand vor. Von höheren Geschwindigkeiten oder größeren Reichweiten wird aber abgeraten. Ist ein Fahrzeug von Werk aus mit Notlaufreifen ausgestattet findet man die möglichen Notlaufstrecken und Geschwindigkeiten im Fahrzeug-Handbuch.

REIFEN.AT:   Besitzen die Runflat-Reifen auch die sogenannte Spritspartechnologie?

Timo Eisen:  Man spart durch den Runflat-Reifen natürlich das Gewicht eines Reserverades, benötigt aber wiederrum etwas mehr Energie, weil der Runflat-Reifen schwerer ist als herkömmliche Reifen. Ich würde sagen, das wiegt sich ungefähr auf. Ein Spritsparreifen, also ein Reifen mit niedrigem Rollwiderstand, ist nicht automatisch gleichzusetzen mit einem Runflat-Reifen. Wobei sich Spritspartechnologie und Notlaufeigenschaften nicht ausschließen.

REIFEN.AT:   Welche Marken bieten die Runflat-Technologie an?

Timo Eisen:  Es gibt mittlerweile einen bunten Markenmix in verschiedenen Preissegmenten. Einige von diesen Hersteller sind zum Beispiel Bridgestone, Michelin, Continental, Goodyear, Dunlop, Pirelli, aber auch Falken, Nokian, Kumho, Hankook, Nexen, Yokohama und andere. Mittlerweile gibt es viele Marken, die in diversen Größen zur Verfügung stehen.

REIFEN.AT:   Und hängt der Preis von der Marke ab?

Timo Eisen:  Also hinsichtlich der Preise muss man sagen, dass ein Runflat-Reifen auf Grund seiner speziellen Bauweise und Technologie teurer ist als ein konventioneller Reifen. Die Abstufung innerhalb der Marken stehen im üblichen Markengefüge zueinander, also wird zum Beispiel ein Michelin-Reifen deutlich teurer sein, als einer von Hankook.

REIFEN.AT:   Verstanden. Und können die Runflat-Reifen unter allen Fahrzeugen montiert werden?

Timo Eisen:  Zu empfehlen ist die Verwendung von Runflat-Reifen stets bei Fahrzeugen, die werkseitig mit solchen Pneus ausgestattet sind. Bei diesen Fahrzeugen sind zum Beispiel Kräfte, die auf die Radaufhängung wirken, durch die steiferen Reifenflanken berücksichtigt. Außerdem braucht das Fahrzeug für die Ausstattung mit Runflats eine Reifendruckkontrolle. Es ist sehr wichtig, dass der Fahrer es mitbekommt, wenn der Reifen Druck verliert. Daher ist die Reifendruckkontrolle verpflichtend. Runflats sind also generell an Fahrzeugen zu empfehlen, die werkseitig schon derartiges Equipment haben oder wo diese als Extra wählbar sind.

REIFEN.AT:   Kann man Runflat-Reifen eigentlich auch auf einer „normalen“ Felge fahren?

Timo Eisen:  Ja, das ist möglich. Aber es besteht ein Risiko, dass der Runflat-Reifen bei Druckverlust von der Felge springt. Das kann in einer Extremsituation passieren, z.B. in einer scharfen Kurve oder während eines Ausweichmanövers bei luftleerem Reifen. Hier liegt der Vorteil von sogenannten Extended Hump Felgen. Das sind Felgen, die die technische Bezeichnung EH2 oder EH2+ haben. Auf Grund der speziellen Ausformung dieser Felgen ist mehr Stabilität und Sicherheit für den Reifen gegeben und es besteht nicht mehr das Risiko, dass der Runflat-Reifen von der Felge springt. Dies ist jedoch keine Voraussetzung. Man braucht also mit Runflat-Reifen nicht zwingend eine entsprechende Runflat-Felge und bei der Runflat-Felge muss man auch nicht zwangsläufig Runflat-Reifen verwenden. Es kann also dort durchaus gemixt werden.

REIFEN.AT:   Beim Runflat-Reifen spielt BMW die Pionierrolle und rüstet etliche Modelle serienmäßig mit dieser Technik aus. Sind Runflat-Reifen für irgendwelche BMW Modelle Pflicht?

Timo Eisen:  Wenn auch BMW als sehr früher Pionier dieser Technik gilt, so ist die Verwendung dieses Reifensystems nicht verpflichtend. Zu beachten ist aber, dass diese Fahrzeuge in der Regel kein Pannenset oder Reserverad mehr an Bord haben. Also wenn ein Fahrzeug herstellerseitig zur Verwendung von Runflat-Reifen vorgesehen ist und man diese Runflats gegen konventionelle Reifen tauscht, so muss man wissen, dass die Mobilität im Schadensfall je nach Fahrzeug unter Umständen nicht mehr gegeben ist. Auch wenn man das Fahrzeug nachträglich mit einem anderen Pannenersatz ausstattet, muss man daran denken, diese Bordmittel zu beschaffen und sich damit auseinanderzusetzen, ob genug sicherer Stauraum für sie vorhanden ist.

REIFEN.AT:   Gut, danke. Ich möchte noch ein bisschen über die Reifenmontage nachfragen. Wo können die Runflat-Reifen montiert werden und kann man dies selber machen?

Timo Eisen:  Runflat-Reifen sollten stets durch einen qualifizierten Fachhändler montiert werden. Es gibt sogenannte WDK- (Wirtschaftsverband der Deutschen Kautschukindustrie) zertifizierte Händler. Ein solches Zertifikat dokumentiert einen Qualitätsstandard in Bezug auf Ausbildung der Monteure und Montagemaschinen. Der reifeninteressierte Kunde kann online komfortabel und schnell aus über 10.000 Montagebetrieben einen Fachhändler aus seiner Umgebung auswählen, zum Beispiel auf www.reifen.at Von der Eigenmontage ist generell abzuraten, weil die Reifen einer speziellen Montage bedürfen und leicht beschädigt werden können, was das Unfallrisiko deutlich erhöht.

REIFEN.AT:   Und was ist beim Wechseln von Runflat-Reifen zu beachten? Sie haben gesagt, dass qualifizierte Händler wichtig sind?

Timo Eisen:  Der Umgang mit Runflat-Reifen sollte stets geschult sein und dann ist die Montage weder kompliziert, noch aufwändig. Eine ungeschulte Person mit ungeeigneten Geräten kann jedoch dem Reifen sogenannte Wulst-Verletzungen zuführen, die kritisch werden können, sobald der Reifen heiß oder stark beansprucht wird. Runflat Reifen gehören in die Hände von Fachhändlern.

REIFEN.AT:   Gut, verstanden. Vielen Dank. Könnten Sie mir vielleicht noch sagen ob ein geplatzter Runflat-Reifen geflickt werden kann

Timo Eisen:  Das ist eine sehr interessante Frage. Das Flicken von Runflat-Reifen wird durch die Hersteller nicht empfohlen oder gar abgelehnt. Das heißt, ein Reifen, der eine Stichverletzung, einen Schaden oder Sonstiges hat, wird nicht repariert, sondern ausgetauscht. Das liegt an der Bauweise und der speziellen Seitenwand des Reifens, der man Folgeschäden einer Plattfahrt nicht unbedingt ansieht.

REIFEN.AT:   Und was ist bei Runflat und RDKS zu beachten?

Timo Eisen:  RDKS steht für Reifendruckkontrollsystem. Einem Runflat-Reifen sieht man den Druckverlust gegenüber einem herkömmlichen Pneu nicht unbedingt an. Ein Runflat-Reifen mit Druckverlust fühlt sich im Fahrbetrieb, z. B. im Stadtverkehr, durchaus „normal“ an. Das ist gefährlich, weil man sich dann bereits im Schadensfall befindet und die Einschränkungen der Reifenhersteller in Bezug auf Geschwindigkeit und Restlaufleistung des Reifens nicht folgen kann. Genau deswegen ist es wichtig, dass Fahrzeuge mit Runflat-Reifen über ein entsprechendes Reifendruckkontrollsystem verfügen. Bei den Fahrzeugen, die werkseitig für Runflats vorgesehen sind, sind diese Reifendruckkontrollsysteme immer an Bord.

REIFEN.AT:   Gut. Das wäre dann alles. Vielen Dank für Ihre Hilfe.

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